Rubén García, ein Experte für Neurobiomechanik und eine der einflussreichsten Stimmen der funktionalen Bewegung in Spanien, vertritt einen klaren Standpunkt: Die Gesellschaft sollte weniger auf sportliche Leistungen fixiert sein und stattdessen mehr Wert auf grundlegende Bewegungsabläufe legen, die Autonomie und Lebensqualität im Alter sichern.
Ein Großteil unseres Tages verbringen wir sitzend, oft ohne uns der negativen Auswirkungen dieser Lebensweise bewusst zu sein. García warnt, dass der moderne Lebensstil nicht nur zu mehr Sedentärverhalten führt, sondern auch zu einer erhöhten Verletzlichkeit. „Wir haben eine tiefgreifend unnatürliche Situation normalisiert“, erklärt er. Das Problem liegt nicht nur im Bewegungsmangel, sondern in einer vollständigen Abkopplung von unserer Bewegungsweise.
Er plädiert für eine Sichtweise, die weit von den gängigen Vorstellungen über aktives Altern abweicht. „Ich habe kein Interesse daran, dass eine 70-Jährige joggen geht“, sagt er unumwunden. Vielmehr liegt ihm am Herzen, dass diese Person in der Lage ist, Treppen zu steigen, sich ohne Hilfe vom Boden zu erheben oder nach einem Sturz unabhängig zu sein. Für ihn besteht der Schlüssel nicht im Sammeln von Laufkilometern oder dem Streben nach sportlichen Herausforderungen, sondern darin, so lange wie möglich selbstständig zu bleiben.
Ein großer Feind des modernen Körpers, so García, ist der Stuhl. Dieser zwingt uns nicht nur dazu, stundenlang still zu sitzen, sondern ersetzt auch aktivere Ruhepositionen. „Unsere Vorfahren ruhten in der Hocke, auf Knien oder auf dem Boden. Heute sitzen wir, und das verändert alles“, betont er. Diese mangelnde Bewegung, selbst in Ruhephasen, fordert ihren Preis und führt zu Problemen in Gelenken, Muskeln und dem Nervensystem.
Besonders wichtig in seiner Argumentation ist der Fuß. García hebt hervor, dass er oft unterschätzt wird, obwohl er entscheidend für das Gleichgewicht und die Bewegungsfähigkeit ist. „Wenn der Fuß nicht fühlt, schaltet sich die Motorik ab“, fasst er zusammen. Seine Kritik richtet sich gegen konventionelles, starres und enges Schuhwerk, das die sensorischen Fähigkeiten einschränkt. Schuhe, die nicht der natürlichen Form des Fußes entsprechen, beeinflussen die Körperhaltung negativ, hemmen wichtige Muskulaturen wie den Gesäßmuskel und führen oft zu Beschwerden an anderen Stellen, etwa im Lendenwirbelbereich.
Garcías Perspektive geht über körperliches Training hinaus und erörtert die Art und Weise, wie wir in unseren Wohnungen leben und uns bewegen. Er spricht sich für klarere Räume mit weniger Möbeln aus, die dazu einladen, auf dem Boden zu sitzen, die Position zu wechseln und sich freier zu bewegen. „Der Boden ist unbequem, und genau deshalb ist er so interessant: Er zwingt dich dazu, dich zu bewegen“, erklärt er. Diese Rückkehr zur Beziehung zum Boden sieht er als eine der einfachsten Möglichkeiten, den Körper ohne Fitnessstudio zu reaktivieren.
Er warnt auch vor Überbeschützung und einem Mangel an körperlichen Reizen in der Kindheit. Weniger Stürze, weniger freies Spielen und mehr Bildschirmzeit führen seiner Meinung nach zu „empfindlicheren“ Generationen. „Mechanische Resilienz wird von klein auf trainiert“, besteht er. Fallen, wieder aufstehen und es erneut versuchen, stärkt nicht nur den Körper, sondern bereitet auch das Nervensystem besser darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren.
Der Gedanke von Rubén García ist nicht apokalyptisch, aber deutlich: Sich zu bewegen ist keine Frage der Ästhetik oder ein vorübergehender Trend. Es ist ein Mittel zum Überleben und zur Steigerung der Lebensqualität. Es geht nicht darum, Marathons zu laufen oder sich im Fitnessstudio zu verausgaben, sondern darum, Bewegung in den Alltag zu integrieren. Gehen, Heben, sich Bücken, vom Boden aufstehen – einfache Gesten, die im Laufe der Zeit den Unterschied zwischen Abhängigkeit von anderen und der Erhaltung der eigenen Körperkontrolle ausmachen.
García appelliert an die Erkenntnis, dass wir uns der negativen Auswirkungen des Sitzens bewusst werden müssen. Zusammengefasst ist seine Botschaft, sich wieder mit der natürlichen Bewegung und dem eigenen Körper zu verbinden, um ein gesundes und aktives Leben im Alter zu führen.











