Können Maschinen tatsächlich Gedanken lesen?

Die Frage, ob Maschinen in der Lage sind, Gedanken zu lesen, beschäftigt nicht nur Wissenschaftler, sondern auch die breite Öffentlichkeit. Vor allem in der heutigen Zeit, in der technologische Fortschritte rasant voranschreiten, stellt sich die Sorge, ob persönliche Privatsphäre in Gefahr ist. Werden Unternehmen in der Lage sein, Zugang zu unseren innersten Gedanken zu erhalten? Diese Thematik wird häufig durch reißerische Dokumentationen oder Werbefilme von Neurowissenschaftsunternehmen angeheizt, die eindrucksvoll demonstrieren, wie Menschen in Magnetresonanztomographen geschoben werden, während Gehirnaktivitäten gemessen werden. Daraus werden angeblich präzise Aussagen über die Gedanken der Probanden abgeleitet.

Doch die Realität sieht um einiges komplexer aus. Ein Forschungsteam aus Deutschland hat nun Daten präsentiert, die aufzeigen, dass viele bisherige Behauptungen stark übertrieben sind.

Eine Landkarte der Hirnaktivität?

Die Technologie, die diesen Hirnaktivitäts-Scans zugrunde liegt, ist die funktionale Magnetresonanztomographie (fMRT). Dies ist zurzeit die verbreitetste nicht-invasive Methode zur Untersuchung der Gehirnaktivität. Dabei werden jedoch nicht direkt die Signale gemessen, die zwischen Nervenzellen ausgetauscht werden. Die fMRT-Technik operiert auf einer viel gröberen Ebene. Statt von elektrischen Signalen und Nervenimpulsen auszugehen, misst sie die Sauerstoffverteilung im Blut, bekannt als „BOLD-Kontrast“.

Der Sauerstofftransport im Blut erfolgt durch Hämoglobin. Durch Magnetfelder ist es möglich zu messen, ob die Hämoglobin-Moleküle in bestimmten Hirnregionen mehr oder weniger Sauerstoff transportieren. Die zugrunde liegende Annahme ist, dass stark aktive Teile des Gehirns viel Sauerstoff benötigen. Dies ermöglicht die Erstellung einer „Landkarte der Hirnaktivität“.

Mit dieser Methode kann beispielsweise festgestellt werden, ob eine Person gerade mit Sehen oder Hören beschäftigt ist. Langfristige Beobachtungen der Gehirnaktivitätsmuster können zudem weitere Hinweise darauf geben, was im Gehirn der Versuchsperson vor sich geht.

Ein Team von Wissenschaftlern der Universität Erlangen und der Technischen Universität München hat jedoch herausgefunden, dass der Zusammenhang zwischen Gehirnaktivität und Sauerstoffverbrauch weit komplizierter ist, als bislang angenommen. Ein hoher fMRT-Kontrast signalisiert nicht notwendigerweise einen besonders hohen Energieverbrauch in den entsprechenden Hirnregionen; an vielen Stellen könnte es sogar das Gegenteil sein. Die Interpretation von fMRT-Daten erfordert daher mehr Vorsicht, als bislang gedacht.

Sogar wenn eine zuverlässige Karte der Gehirnaktivität erstellt werden kann, hat dies wenig mit Gedankenlesen zu tun. Es ist vergleichbar mit dem Versuch, herauszufinden, was ein Computer gerade macht, indem man die aktiven Komponenten betrachtet. Ist die Grafikkarte aktiv und der Nutzer klickt mit der Maus, könnte dies darauf hindeuten, dass ein Video bearbeitet wird. Niemand kann jedoch allein aus den Mausklicks oder der Temperatur der Grafikkarte den Inhalt des Videos erschließen.

Der tote Lachs, der Emotionen erkennt

Bereits in der Vergangenheit gab es Zweifel an der Zuverlässigkeit von neuroimaging-Techniken. Ein bekanntes Beispiel dafür stammt aus den Jahren 2009/2010, als ein toter Lachs für Aufsehen sorgte. Der Fisch, der aus einem Kühlregal stammte, wurde in ein MRT-Gerät geschoben und einem Bildmaterial von Menschen präsentiert. Mithilfe der Magnetresonanzsignale wurde behauptet, dass der Lachs in der Lage sei, Emotionen der abgebildeten Personen zu erkennen. Diese Behauptung war natürlich völliger Unsinn, aber das Forschungsteam wollte damit lediglich demonstrieren, wie einfach es ist, MRT-Ergebnisse fehlerhaft zu interpretieren und dabei scheinbar wissenschaftliche Ergebnisse zu präsentieren, die mit der Realität nichts zu tun haben.

Gedankenlesen bleibt unmöglich

Bedeutet dies, dass die MRT-Technik zur Analyse der Gehirnaktivität reiner Hokuspokus ist? Definitiv nicht. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass mit diesen Methoden keine Gedanken im klassischen Sinne gemessen werden. Es werden physikalische Größen erfasst, die mehr oder weniger direkt mit Gedanken in Verbindung stehen. Dies ist kein neues Phänomen – wenn ein erfahrener Pokerspieler das Zucken der Augenbraue seines Gegners interpretiert, um auf dessen Karten zu schließen, hat er gewissermaßen auch Gedanken gelesen. Es sollte lediglich nicht der Eindruck entstehen, dass solche Signale absolut zuverlässig sind.

Ähnliches gilt für neuronale Schnittstellen zwischen Gehirn und Elektronik, wie sie beispielsweise von Elon Musks Unternehmen Neuralink entwickelt werden. Diese Forschung ist zweifellos faszinierend und hat großes Potenzial, jedoch handelt es sich nicht um eine magische Technik des Gedankenlesens. Verbindungen zwischen Nervenzellen und Computern könnten eventuell in der Zukunft Realität werden, doch dies steht in keinerlei Zusammenhang mit dem „Auslesen“ eines Gehirns oder, wie es einige Tech-Enthusiasten postulieren, dem „Hochladen unseres Bewusstseins in einen Computer“. Solche Fantasien dürften auch in Zukunft Science-Fiction bleiben, was letztlich vielleicht auch zu begrüßen ist.