Das Geheimnis der Langlebigkeit liegt in der Kälte

Diese Entdeckung könnte unsere Herangehensweise an die regenerative Medizin revolutionieren. Der Grönlandwal ist das langlebigste Säugetier der Erde. Mit einem Gewicht von fast 80 Tonnen durchquert dieser Meeresgigant die Polargewässer und scheint immun gegen altersbedingte Krankheiten wie Krebs zu sein. Der Schlüssel zu dieser Widerstandskraft trägt den Namen: CIRBP-Protein (Kälte-induziertes RNA-Bindungsprotein).

Dieses Protein wurde in einer Studie des Rochester-Teams hervorgehoben. Die Wissenschaftler stellten fest, dass es besonders als Reaktion auf Kälte aktiviert wird und es dem Wal ermöglicht, sein eigenes DNA zu reparieren, wenn sie beschädigt ist. Vera Gorbunova, Professorin für Biologie und Hauptautorin der Studie, erklärt, dass dieser Durchbruch den Weg zur Verlängerung der menschlichen Lebensdauer ebnet. Sie sagt:

„Die Ergebnisse können zukünftigen Generationen helfen, länger zu leben als die typische menschliche Lebenserwartung.“

Um ihre Hypothese zu testen, führten die Forscher ein Experiment durch: Sie integrierten dieses wal-spezifische Protein in menschliche Zellen im Labor. Das Ergebnis war eindeutig: Die Zellen reparierten sich mit deutlich höherer Effizienz als normal. Noch besser ist, dass die Verabreichung dieses Proteins an Fruchtfliegen ihre Lebenserwartung signifikant erhöhte.

Die Lösung des Peto-Paradoxons

Diese Entdeckung hilft auch, ein lange bekanntes biologisches Rätsel zu lösen, das als „Peto-Paradoxon“ bezeichnet wird. Logischerweise haben sehr große Tiere wie Wale oder Elefanten viel mehr Zellen als wir. Mehr Zellen bedeuten mehr Zellteilungen und somit statistisch ein höheres Risiko für krebsgeschädigte Mutationen. Diese Giganten entwickeln jedoch selten Tumoren. Dr. Alex Cagan, Evolutionsgenetiker am Wellcome Sanger Institute im Vereinigten Königreich, betont die Bedeutung dieses Säugetiers in der Forschung:

„Es ist ein Star in der Forschung zur Langlebigkeit. (…) Die Ergebnisse sind überzeugend und könnten den Weg für neue therapeutische Ansätze weisen.“

Das Team von Gorbunova entdeckte, dass Wale dank des CIRBP-Proteins weniger gefährliche Mutationen erleiden. Dieses Protein wirkt wie ein Elite-Meistermechaniker, der Brüche in DNA-Strängen repariert, die als die gefährlichste Form von genetischem Schaden gelten. Während die menschliche DNA im Laufe der Zeit degenerieren kann, bleibt die DNA der Wale viel länger intakt.

Richtung Therapien für den Menschen?

Obwohl wir uns nicht in Wale verwandeln werden, wird die Anwendung dieser Forschung auf den Menschen sehr ernst genommen. Die Verbindung zwischen der Produktion dieses Proteins und der Außentemperatur ist besonders faszinierend. Andrei Seluanov, Mitautor der Studie, beobachtet ein Detail, das unsere täglichen Gewohnheiten verändern könnte:

„Wenn wir einfach die Temperatur um einige Grad senken, produzieren die Zellen mehr CIRBP.“

Das deutet darauf hin, dass der Aufenthalt in der Kälte unsere eigenen Abwehrmechanismen stimulieren kann, auch wenn wir sie natürlicherweise viel weniger produzieren als der Wal. Vera Gorbunova stellt sogar die Idee auf, dass einfache Änderungen des Lebensstils, wie kalte Bäder, aus einer neuen wissenschaftlichen Perspektive auf ihr Schutzniveau untersucht werden sollten.

Der nächste Schritt für die Wissenschaftler wird sein, zu testen, ob dieses Protein mit der gleichen Wirksamkeit auch bei Säugetieren funktioniert, die uns näher stehen als die Fliegen, wie Mäuse. Ziel ist es, Strategien zu entwickeln, um diesen biologischen Weg bei Menschen „positiv zu regulieren“, ohne bei -20°C leben zu müssen. Vera Gorbunova schließt:

„Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Genomwartung zu verbessern. Hier haben wir entdeckt, dass es einen einzigartigen Weg gibt, der sich bei Grönlandwalen entwickelt hat, wo sie die Spiegel dieses Proteins signifikant erhöhen. Jetzt müssen wir herausfinden, ob wir Strategien entwickeln können, um denselben Weg bei Menschen zu stimulieren.“