Astronomen haben eine enorme Gaswolke entdeckt, in der auf merkwürdige Weise niemals Sterne entstanden sind. Dieses als Cloud 9 bezeichnete ‚missratene‘ Sternensystem bestätigt die gängigen Theorien über die Zusammensetzung und die Evolution des Universums.
Das bekannte Konzept lautet: Wenn ausreichend Gas gesammelt wird, übernimmt die Schwerkraft den Rest. Diese Theorie beschreibt die Geburt von Sternensystemen, ähnlich wie unser Milchstraßensystem. Die Gaswolke zieht sich unter ihrem eigenen Gewicht zusammen und zerfällt in immer kleinere Klumpen. Auf diese Weise können letztendlich Milliarden einzelner Sterne entstehen.
Doch in einer Entfernung von über 14 Millionen Lichtjahren von der Erde haben Astronomen eine Gaswolke entdeckt, in der sich kein einziger Stern befindet. Rachael Beaton vom Space Telescope Science Institute in Baltimore beschreibt es als „ein wenig wie ein leeres Haus, in das niemals jemand hineingezogen ist“.
Die Wolke wurde mit dem 500 Meter großen Fast-Radioteleskop in China entdeckt. Sie trägt die Nummer 9 in einer Liste neu entdeckter Gaswolken, daher der Name Cloud 9 – ein Begriff, der im Westen auch einen Zustand extremer Glückseligkeit beschreibt.
Cloud 9 hat einen Durchmesser von etwa 5.000 Lichtjahren und enthält genügend kaltes Wasserstoffgas, um eine Million Sonnen ähnliche Sterne zu bilden. Darüber hinaus scheint sie mit etwa dem Fünffachen der Menge an Dunkler Materie gefüllt zu sein – ein geheimnisvolles Material, das keine Form von Strahlung abgibt.
Eine perfekt glückliche Wolke
Normalerweise würde aus solch einer Wolke ein kleines Zwergsternensystem entstehen. Doch als Beaton und ihre Kollegen die Wolke mit dem Hubble-Weltraumteleskop untersuchten, fanden sie genau einen schwachen Stern, anstelle von mehreren Hunderttausend. „Aus irgendeinem Grund hat der Geburtsprozess von Sternen hier nie begonnen“, erklärte Beaton auf einer Pressekonferenz der American Astronomical Society in Phoenix. „Die Wolke ist perfekt glücklich, so wie sie ist.“
Rick Perley vom National Radio Astronomy Observatory der USA, der nicht an der Studie beteiligt war, beschreibt die Entdeckung als „völlig überraschend“. Er fügt hinzu: „In einer so massiven Wolke erwartet man, Sterne anzutreffen. So etwas ist noch nie zuvor gesehen worden.“
Kosmologen und die Bedeutung der Entdeckung
Kosmologen sind von dieser Entdeckung begeistert, die in dieser Woche im Astrophysical Journal veröffentlicht wurde. Laut den gängigen Theorien über die Zusammensetzung und die Evolution des Universums sollten kurz nach dem Urknall unzählige kleine Klumpen Dunkler Materie entstanden sein. Diese zogen mit ihrer Schwerkraft Wasserstoffgas an und bildeten so die Bausteine späterer Sternensysteme.
Halo der Dunklen Materie
Bislang wurden diese so genannten Dunkle-Materie-Halos jedoch nie gefunden. Cloud 9 könnte nun das erste entdeckte Exemplar sein. Und dies anscheinend mit genau der richtigen Masse: Wäre sie viel schwerer gewesen, hätte sich zweifellos ein Sternensystem gebildet, während eine viel leichtere Wolke längst im Raum „aufgelöst“ wäre.
Laut Mitentdecker Andrew Fox bietet die sternlose Wolke somit „einen Einblick in das dunkle Universum“. Die nächste Herausforderung, so Beaton, ist die Entdeckung eines Dunkle-Materie-Halos, der ebenfalls kein Wasserstoffgas enthält. Dies wird jedoch eine schwierige Aufgabe sein, da dann keine Form von Strahlung emittiert wird. „Wer weiß, vielleicht können wir solche Klumpen Dunkler Materie eines Tages anhand der Schwerkraftstörungen in ihrer Umgebung nachverfolgen.“











