Luftmangel im Grönland-Motor – Beunruhigende Entdeckung im Nordatlantik

Wissenschaftler aus Kiel haben ein alarmierendes Phänomen im Nordatlantik festgestellt: Der Ozean vor Grönland hat wortwörtlich an Luft verloren. Die potenziellen Folgen dieser Entwicklung könnten gravierend sein.

Was wäre, wenn wir zehnmal länger auf frische Luft warten müssten? Dies geschieht derzeit im Nordatlantik, und die Auswirkungen sind schwerwiegender als zunächst angenommen. Forscher des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel haben herausgefunden, dass die Belüftung des Tiefenwassers in diesem Gebiet in den letzten drei Jahrzehnten erheblich abgenommen hat. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden Anfang Januar 2026 in dem renommierten Fachmagazin Nature veröffentlicht. Die Bedingungen im tiefen Wasser ändern sich, was darauf hinweist, dass der lebenswichtige Austausch zwischen der Wasseroberfläche und den großen Tiefen ins Stocken gerät.

Raffinierte Methoden enthüllen die Geheimnisse des Grönlandschen Tiefenwassers

Das Forscherteam unter der Leitung von Haichao Guo wandte bei ihren Untersuchungen einen raffinierten Trick an, um die Geheimnisse des Ozeans vor Grönland zu lüften. Sie analysierten industrielle Spurengase wie FCKW-12 und Schwefelhexafluorid im Wasser. Diese chemischen Marker dienen als Zeitstempel, der angibt, wann das Tiefenwasser zuletzt mit der Meeresoberfläche in Kontakt war – ähnlich einem Stempel, der das Alter des Wassers dokumentiert.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Seit den 1990er-Jahren dauert es zunehmend länger, bis frisches, sauerstoffreiches Wasser aus der Oberfläche in die Tiefe gelangt. „Von den 1990er-Jahren bis in die 2010er-Jahre hat sich das mittlere Alter des Wassers um mehr als zehn Jahre erhöht“, ist im Bericht des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel nachzulesen. Neueste Studien in Grönlands Eiskuppel haben zudem Hinweise auf ein Klimaphänomen vor 7000 Jahren entdeckt.

Essenz der Umwälzströmung für marines Leben – Klimawandel als entscheidender Faktor

Die Ursachen für diese Beobachtungen sehen die Wissenschaftler nicht in natürlichen Zyklen, sondern im menschengemachten Klimawandel. „Die Kombination aus Beobachtungen und Modellen ergibt ein einheitliches Bild: Das Wasser im Nordatlantik altert, was mit der abnehmenden Nordatlantikzirkulation infolge der globalen Erwärmung übereinstimmt“, erläutert Prof. Dr. Andreas Oschlies, Leiter der Forschungsgruppe für Biogeochemische Modellierung am GEOMAR.

Die nordatlantische Umwälzströmung (AMOC) – das Herzstück der Ozeanzirkulation vor Grönland – hat sich seit 1950 um mehr als 15 Prozent abgeschwächt. Sie funktioniert als eine riesige Pumpe, die warmes Wasser nach Norden und kaltes Wasser nach Süden transportiert. Darüber hinaus gewährleistet sie, dass sauerstoffreiches Wasser in die Tiefe gelangt, ein wichtiger Prozess für das marine Leben. Laut Studienbericht steht jedoch diese AMOC-Stromrichtung möglicherweise vor dem Zusammenbruch.

Schwindende Belüftung des Nordatlantiks – Jahrhundertelange Auswirkungen erwartet

Besonders besorgniserregend ist, dass die Veränderungen langanhaltende Folgen haben könnten. „Sobald die Zirkulation schwächer wird, könnte dieser Zustand über Jahrhunderte anhalten – selbst bei einem Rückgang der Treibhausgasemissionen“, warnt das Forschungsteam um Guo in einer Pressemitteilung des IDW. Die schlechtere Belüftung hat mehrere erhebliche Folgen: Der Sauerstoffgehalt im Tiefenwasser nimmt ab, was die marinen Ökosysteme bedroht. Zudem kann der Ozean weniger Kohlendioxid aufnehmen, was seine Funktion als Klimapuffer beeinträchtigt.

(Quellen: GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, www.nature.com, Nachrichten Informationsdienst Wissenschaft IDW)