Der emeritierte Forscher Shoji Hamao vom Nationalen Wissenschaftsmuseum Japans hat herausgefunden, dass sieben Vogelarten, die inmitten der Metropole Tokio leben, eine geringere Wachsamkeit gegenüber Menschen zeigen und weniger dazu neigen, Risiken zu vermeiden als ihre Artgenossen, die in ihren natürlichen Lebensräumen leben. Diese Studie macht deutlich, wie künstliche Lebensräume das Risikoempfinden von Wildtieren beeinflussen, was zu einem besseren wissenschaftlichen Verständnis der menschlichen Interaktion mit der Tierwelt beiträgt. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Journal of Ethology veröffentlicht.
Wesentliche Erkenntnisse der Studie
- Es ist allgemein bekannt, dass Stadtvögel oft nicht wegfliegen, selbst wenn Menschen sich nähern. Jedoch wurde bisher nicht untersucht, ob das Risiko-Vermeidungsverhalten der Vögel in urbanen Umgebungen in Japan beeinflusst wird.
- In dieser Untersuchung wurde die Fluchtinitiierungsdistanz (FID) sieben in Tokio brütenden Vogelarten, wie etwa Spatzen und Krähen, gemessen und mit den Werten von Vögeln in ihrem ursprünglichen Lebensraum in der ländlichen Region Ibaraki verglichen.
- Die Ergebnisse zeigten, dass die Fluchtinitiierungsdistanz für alle sieben Arten in Tokio kürzer war als in Ibaraki. Der Unterschied war sogar größer als in früheren europäischen Studien, was auf ein signifikantes Absinken der Wachsamkeit in Tokio hinweist.
- Darüber hinaus zeigte sich, dass der Unterschied zwischen Tokio und Ibaraki unabhängig davon war, wann die Arten in Tokio Fuß fassten; ein Rückgang der Wachsamkeit trat relativ schnell nach ihrer Ankunft auf.
Diese Forschung demonstriert klar, dass das Risikoverhalten von Tieren durch menschliche Einflüsse verändert werden kann und trägt zu einem besseren Verständnis der Konflikte zwischen Wildtieren und Menschen bei.
Hintergrund der Untersuchung
Es wird oft gesagt, dass Tiere, die sich in menschlichen Siedlungen aufhalten, weniger Angst vor Menschen zeigen. Diese Veränderung im Risiko-Vermeidungsverhalten ist ein zentrales Thema der Tierverhaltensforschung. Städte sind von Menschen geschaffene Umgebungen, die stark von den natürlichen Lebensräumen abweichen. Während in Europa zahlreiche Studien zu diesem Thema durchgeführt wurden und viele darauf hindeuten, dass Stadtvögel weniger wachsam sind als ihre ländlichen Verwandten, existieren auch Berichte, die das Gegenteil behaupten. Eine umfassende Betrachtung dieses Themas steht jedoch noch aus. Japanische Städte, deren rasante Entwicklung sich von europäischen unterscheidet, wurden bisher in diesem Kontext nicht ausreichend untersucht.
Darum wurde eine Vergleichsstudie durchgeführt, die die Wachsamkeit von Vögeln in der Metropolregion Tokio und die ihrer ländlichen Artgenossen untersuchte. Der Einfluss des Zeitpunkts, an dem die Arten in Tokio sesshaft wurden, auf die Veränderung ihres Risiko-Verhaltens wurde en détail analysiert.
Detailierte Untersuchungsergebnisse
Die Untersuchung fand in zwölf Grünanlagen innerhalb Tokios und an 18 Standorten in ländlichen Gebieten Südbuckets statt. Der Standardansatz zur Messung der Wachsamkeit umfasste die Erfassung der Fluchtinitiierungsdistanz, wenn ein Mensch sich langsam näherte und die Vögel aufflogen oder davonliefen. Dabei wurden weitere Faktoren, wie die Anzahl der Vögel, der Standort und die Nähe zu potenziellen Zufluchtsorten, berücksichtigt, um deren Einfluss zu kontrollieren.
Die untersuchten Vogelarten umfassten sieben in Tokio brütende Arten, darunter den Türkentaube, die seit den 1950er Jahren in Tokio angesiedelt ist, und den Blaumeisen, der in den 1960er Jahren Fuß fasste. Die Messungen wurden überwiegend in der Fortpflanzungszeit der ausgewachsenen und nicht in der Lernphase befindlichen Vögel durchgeführt.
Die Ergebnisse zeigten einen signifikanten Rückgang der Wachsamkeit: Zum Beispiel betrug die Fluchtinitiierungsdistanz der Spatzen in Ibaraki im Durchschnitt 11,1 Meter, während sie in Tokio nur bei 4,2 Metern lag, wobei nur wenige Vögel über 10 Meter flüchteten. Dies war auch bei den anderen Arten so ausgeprägt, was belegt, dass die Wachsamkeit in Tokio im Allgemeinen signifikant gesenkt ist.
Vergleich mit europäischen Studien
Die erzielten Ergebnisse wurden ebenfalls mit bestehenden Daten aus Europa verglichen. Die Wirkungseinheit, die aus dem Unterschied der Fluchtinitiierungsdistanzen zwischen Tokio und Ibaraki abgeleitet wurde, war größer als die, die in europäischen Daten zu Stadt- versus Landvögeln gefunden wurde. Darüber hinaus war kein Zusammenhang zwischen der Zeit, in der die Arten in Tokio sesshaft wurden, und der beobachteten Wirkungseinheit zu erkennen. Diese Erkenntnis deutet darauf hin, dass die Rückgänge der Wachsamkeit in Tokio in relativ kurzer Zeit und nicht als genetische Anpassung, sondern als Reaktion auf die neuen urbanen Gegebenheiten erworben wurden.
Zukünftige Herausforderungen
Das Fluchtverhalten, um Risiken zu vermeiden, erfordert von Tieren einen gewissen energetischen Aufwand und kann andere Aktivitäten wie die Nahrungsaufnahme unterbrechen. Sollte der Nahrungsdruck nicht hoch genug sein, wäre es plausibel, dass die Vögel weniger fliehen. Die Frage bleibt, ob die Vögel in Tokio lediglich gelernt haben, dass Menschen keine Bedrohung darstellen, oder ob sie, getrieben durch Hunger, bereit sind, Risiken einzugehen.
Ein weiteres Forschungsfeld wird die Untersuchung sein, ob diese Abnahme der Wachsamkeit über den menschlichen Einfluss hinaus auch andere Räuber betroffen hat. Darüber hinaus ist es entscheidend zu verstehen, ob die Anpassungen in der Wachsamkeit sowohl durch individuelles Lernen als auch durch genetische Faktoren bedingt sind. Der Fall der Vögel in Tokio bietet ein einzigartiges Forschungsfeld, das künftig dazu beitragen könnte, Auswirkungen auf wilde Tiere, wie durch Fütterung oder Fotografie, und die räumliche Trennung zwischen Mensch und Tier besser zu analysieren.
Veröffentlichte Studie
Studienüberschrift: Risk-taking behavior of birds in urban environment: assessment using flight initiation distance in Tokyo, Japan.
Autor: Shoji Hamao (Nationales Wissenschaftsmuseum)
Veröffentlicht in: Journal of Ethology











